Projekte der Akademie für angewandte Vegetationskunde


 

Alle Projekte der Akademie für angewandte Vegetationskunde beziehen sich auf die mitteleuropäische Kulturlandschaft. In der historischen Kulturlandschaft fand sich die größte Biodiversität – nicht in der Naturlandschaft oder der Wildnis. Bis etwa Mitte des 19 Jahrhunderts nahm die biologische Vielfalt und auch die Anzahl der Pflanzengesellschaften durch die traditionelle Landwirtschaft zu. Wirkt der „Faktor Mensch“ also positiv auf die Biodiversität? Vielfach wird ja geglaubt, dass der Mensch zwangsläufig der größte Naturzerstörer aller Zeiten ist und es der Erde am besten ginge, wenn er ganz vom Planeten verschwände. In dieser Absolutheit ein verhängnisvoller Irrtum! Die pflanzensoziologische Forschung zeigt, dass die größte botanische Vielfalt in unseren mitteleuropäischen Landschaften durch den Menschen entstanden ist!

Die wichtigste Akteurin in der Kulturlandschaft ist die Landwirtschaft. Und die Landwirtschaft ist auch der lebenswichtigste Wirtschaftszweig überhaupt, denn essen und trinken müssen wir alle, ohne Landwirtschaft geht also gar nichts. Seit kurzem gibt es ein zunehmendes gesellschaftliches Bewusstsein von Gesundheit, auch von gesunder Ernährung. Der Ruf nach gesundem, lebendigem und vielfältigem Essen wird lauter.

Gesundes, lebendiges und vielfältiges Essen setzt eine gesunde, lebendige und vielfältige Landwirtschaft voraus. Und diese wiederum gründet auf einer gesunden, lebendigen und vielfältigen Pflanzenwelt! Denn die Pflanzenwelt ist die wahre Primärproduzentin aller unserer Nahrungsmittel. Die Wichtigkeit der Pflanzendecke, der Vegetation, für unser Leben wird heute noch gar nicht richtig erkannt und geschätzt. Das ist aber sehr dringend notwendig.

Deshalb bewegen sich die Projekte der Akademie für angewandte Vegetationskunde im Überschneidungsbereich von Landwirtschaft und Pflanzensoziologie: pflanzensoziologische Grundlagen können die Landwirtschaft gesünder, lebendiger und vielfältiger machen – und umgekehrt kann eine vernünftig und nachhaltig betriebene Landwirtschaft sehr vielen Pflanzengesellschaften und Biotopen Lebensmöglichkeiten bieten, letztlich auch zu ihrem eigenen Vorteil.

Kulturlandschaft hat etwas mit Kultur zu tun und Kultur bedeutet

nutzen
pflegen
-  verehren

Ein zukünftiges landwirtschaftliches Denken und Handeln strebt nicht mehr nach dem reinen Nutzen, insbesondere nicht nach dem finanziellen Nutzen. Es ist bestrebt, die lebendigen Prozesse der Landschaft zu pflegen, so dass sich der Nutzen ganz wie von selbst ergibt. Darüber hinaus verehrt es die ihm anvertraute Kreatur – die Tiere und Pflanzen, die Pflanzengesellschaften, Biotope und Lebensräume – als eigenständige Wesenheiten. Und mehr noch: Es verehrt auch die Menschen, die tätig pflegend tagein tagaus kulturschaffend an der Landschaft arbeiten – die Bäuerinnen und Bauern.

Nutzen, pflegen, verehren – das sind unsere Leitlinien für eine zukunftsweisende Landwirtschaft in einer lebens- und liebenswerten Kulturlandschaft.

Die zukünftige Kulturlandschaft wollen wir gerne die Lichtlandschaft nennen, da sie die Lichtvegetation fördert und das menschliche Bewusstseinslicht auf die landwirtschaftlichen Prozesse richtet. Dies haben wir zuerst in dem Landschafts-Entwicklungsprojekt Ravensberger Lichtlandschaften ausprobiert.

Das Projekt hat dazu beigetragen, die dort gemachten Erfahrungen überregional auszuweiten, was schließlich in das Konzept der 10 Biotope mündete: In zehn verschieden Lebensräumen der Lichtvegetation bündelt sich die Vielfalt der Wildpflanzen-Arten, die für die Gesundheit, Lebendigkeit und Vielfalt der mitteleuropäischen Kulturlandschaft von größter Bedeutung sind.

Eines dieser „Biotope“ ist ein ganz besonderes, das sozusagen im Zentrum der Vielfalt steht: die kräuter- und blütenreiche Mähwiese. Ihr gilt deshalb höchste Aufmerksamkeit – aus Sicht des Artenschutzes (extrem artenreich!), aus Sicht der Landwirtschaft (gesündestes Grundfutter für das Vieh!), aus Sicht des Klimaschutzes (höchst effektiver Kohlenstoffspeicher!) und aus Sicht der Erholung (blütenreiche Mähwiesen wichtige Elemente von Erholungslandschaften). So entstand das Wiesenprojekt.

Praktisch umgesetzt wird die Idee der kräuter- und blütenreiche Mähwiesen sowie aller 10 Biotope insgesamt auf Hof Sackern, einem biologisch-dynamischen Betrieb am Südrand des Ruhrgebietes. Hier betreiben wir gemeinsam – die Menschen vom Hof und die Mitglieder der Akademie für angewandte Vegetationskunde – seit vielen Jahren Biotopentwicklung auf den Flächen des Hofes. Besonders gelungen ist die Neuansaat einer artenreichen Mähwiese zur Heugewinnung auf ehemaligem konventionell bewirtschafteten Ackerland.

Ein weiterer Schwerpunkt der Akademie-Projekte ist die Sanierung und Neu-Verlebendigung von Gewässern. Seit vielen Jahrzehnten spielen dabei die Heidegewässer Nordwestdeutschlands eine große Rolle und hier insbesondere der Wollingster See (zwischen Bremerhaven und Bremervörde), der bis vor einigen Jahren der schönste Heidesee Norddeutschlands war. Er hat für die Akademiearbeit eine hohe Priorität.

Eine ganz andere Größenordnung der Gewässer sind kleine Teiche in der Kulturlandschaft, im Siedlungsraum und schließlich auch im Garten. Bei der Anlage und Pflege von solchen Teichen werden oftmals längst überholte Ziele verfolgt; oft heißt es nämlich, der Teich muss tief genug sein, er muss über Mittag beschattet werden, es darf keine Erde hinein sondern nur Kies usw. Das kann man zwar machen, aber es ist in dem Augenblick falsch, wenn man den Teich als Lebensraum für die wirklich seltenen Amphibien gestalten will wie Unken, Kreuzkröten, Laubfrösche usw. So ist das Konzept der „Flachwasserteiche“ oder „Lichtteiche“ entstanden als die wirklich artenreiche Alternative zu den üblichen Gartenteichen.