Wasserpflanzen

Heideweiher und Heideseen

Heideweiher und Heideseen gab es früher von Nordbelgien über die Niederlande und Nordwestdeutschland bis Dänemark und Polen. Heute sind sie fast von der Bildfläche verschwunden: Trockengelegt, eutrophiert (= mit Nährstoffen angereichert), versauert, verschlammt oder verlandet.

Der Wollingster See zwischen Bremerhaven und Bremervörde ist einer der letzten seiner Art, aber auch er zeigt sich heute schon sehr stark beeinträchtigt. Früher lag er in offener Heide, umrahmt von einem hellen Sandstrand. Im See wuchsen dichte Unterwasserrasen, gebildet von drei verschiedenen extrem seltenen Wasserpflanzen, die auf diese Art von Gewässertyp angewiesen sind.

Eine weitgehend baumlose Umgebung war notwendig, um dieses besondere Ökosystem zu erhalten. Da aber auch auf diesem armen Sandboden von Natur aus Wald wachsen würde, war es der Mensch mit seiner historischen Heidewirtschaft, der die Bedingungen für die Erhaltung des typischen Heidesees gewährleistete.

Über die offene Heide fegte der Wind ohne nennenswertes Hindernis und er-zeugte im Wasser starken Wellen-schlag, Turbulenzen und Strömungen. Das kristallklare Wasser war immer etwas in Unruhe, so dass sich im Uferbereich kein Schlamm ablagern konnte.

Es waren ja auch keine Bäume da, deren Laub in den See gefallen wäre und sich zu Schlamm umgesetzt hätte. So waren die Heideseen nähr-stoff- und kalkarm, klar, sauber und sauerstoffreich, und ihr Wasser hatte beste Trinkwasserqualität.

Das wurde ihnen – jedenfalls den tieferen unter ihnen – später zum Verhängnis. Warum das so kam, kann man leicht nachfühlen: Denn würden wir nicht beim Anblick der Bilder jetzt gleich am liebsten da hineinspringen und baden? Solange das nur wenige denken und tun, ist das nicht schlimm, eher im Gegenteil: Die leicht verstärkten Turbulenzen durch unsere Schwimmbewegungen würden sich genau so positiv auswirken wie die Turbulenzen durch den Wind. Anders sieht’s aus, wenn wir das zusammen mit sehr vielen Anderen tun … Das war einer der Gründe, weshalb sich das Wasser trübte, der Boden verschlammte, die seltenen Pflanzen verschwanden. Daneben gab es noch weitere Gründe, beispielsweise die Trockenlegung der Gewässer, der Nährstoffeintrag aus benachbarten Landwirtschaftsflächen, auch der „saure Regen“ spielte eine bedeutende Rolle. Alles zusammen zerstörte den Lebensraum der besonderen Heidesee-Pflanzen weitgehend.

Um welche besonderen Pflanzen handelt es sich nun? Die kennzeichnende Pflanzengesellschaft, die in den Heideseen als niedriger Unterwasserrasen den hellen Sandgrund überzieht, besteht vor allem aus drei Pflanzenarten: Lobelie, Brachsenkraut und Strandling.

Nach ersterer hat sie den Namen Lobelien-Gesellschaft erhalten. Von weitem sehen alle beteiligten Pflanzen gleich aus, obwohl sie verschiedenen Familien angehören: Wie kleine Binsen, mit leicht gebogenen, im Querschnitt rundlichen Blättchen von einigen Zentimetern Länge – im flachen Wasser nur etwa 3 cm hoch, im tieferen bis 20 cm. Am auffälligsten sind die kleinen blassblauen Glockenblütchen der Lobelie, die an grasartigen Stielen eine Handspanne über das Wasser gehoben werden. Alle diese Pflanzen sind auf klares, windbewegtes, sauerstoffreiches Wasser angewiesen, was zeigt, dass an ihrem Wuchsort das besonders starke Luftelement bis in den Wasserkörper hinein wirkt. Das setzen die Pflanzen noch fort, indem sie mit ihrem Wurzelwerk massiv Sauerstoff bis etwa 20 cm Tiefe in den Boden „pumpen“.

Eigene Publikationen zum Thema

  • H.-Ch. Vahle (1989): Die ökologische Gestalt eines Lebensraumes. Der Lobelien-Heideweiher. – Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 1989: 100-124.
  • H.-Ch. Vahle (1990): Grundlagen zum Schutz der Vegetation oligotropher Stillgewässer in Nordwestdeutschland. – Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen 22: 157 pp. (Dissertation).
  • H.-Ch. Vahle (1995): Oligotrophe Heideweiher als anthropogene Ökosysteme. – Natur und Landschaft 70 (7): 295-301.
  • H.-Ch. Vahle (1997): Der Wollingster See. – In: C. von Glahn (Hrsg.): 800 Jahre Wollingst. Wollingst: 299-330.
  • H.-Ch. Vahle (1998): Gedanken zur Weiterentwicklung des Wollingster Sees – ein persönliches Fazit des Symposiums. – Mitteilungen der AG Geobotanik Schleswig-Holstein und Hamburg 57: 145-150.
  • H. Drengemann & H.-Ch. Vahle (1998): Zur Geschichte der Vegetation am Wollingster See. – Mitteilungen der AG Geobotanik Schleswig-Holstein und Hamburg 57: 28-35.
  • H.-Ch. Vahle (1999): Die Optimierung des eigenen Standortes durch das Isoeto-Lobelietum. – Mitteilungen des badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz N.F. 17(2): 281-291. Freiburg/Brsg.
  • H.-Ch. Vahle (2019): Lobelien-Seen in Europa. – Bremer Beiträge für Naturkunde und Naturschutz 9: 7-14.

Armleuchteralgen

Was sind Armleuchteralgen?

Armleuchteralgen (Characeen) sind eine merkwürdige und unverwechselbare Gruppe von Wasserpflanzen. Ihre Gestalt ist durch den schachtelhalmähnlichen Bau geprägt: Von einer aufrechten Mittelachse gehen in regelmäßigen Abständen Quirläste ab, auf denen die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane wie die Lichter auf den Armen eines Kandelabers oder Armleuchters (Name!) sitzen.

Im Gegensatz zu den Schachtelhalmen wachsen die Armleuchteralgen aber nur rein untergetaucht. Durch ihren differenzierten Aufbau haben sie mehr Ähnlichkeiten mit unter Wasser lebenden Blütenpflanzen (z. B. Hornblatt = Ceratophyllum) als mit Algen. Dennoch gehören sie zu den Sporenpflanzen, wie an den Fortpflanzungsorganen (Gametangien) zu erkennen ist .

Armleuchteralgen sind schon aus dem Erdaltertum bekannt. Die heutigen Arten müssen demnach als Relikte einer sehr alten Pflanzengruppe angesehen werden, womit vielleicht auch die Besonderheit der von ihnen besiedelten Lebensräume zusammenhängt.

Typische Lebensräume von Armleuchteralgen

am Grunde tiefer, klarer Seen

in klaren Quellteichen

in flachen, vorübergehenden Tümpeln; hier nur kurzlebig und die Trockenzeit mit Sporen überdauernd

Die weltweit verbreiteten Characeen wachsen bis auf wenige Ausnahmen in sehr sauberem, nährstoffarmen, stehenden Süß- und Brackwasser. Dabei besiedeln sie jedoch morphologisch sehr unterschiedliche Standorte wie tiefe Seen, Quellteiche, Regenwasserlachen usw., deren Gemeinsamkeit KRAUSE (1981) folgendermaßen charakterisiert: »Angesichts des Verhaltens der Characeen dürfte es weiterführen, …sie als Spezialisten für Wasser anzusehen, das entweder neu in den organischen Kreislauf eingetreten ist oder, wenn es ihm schon seit langem unterworfen war, von ihm erst wenig beeinflusst werden konnte.«

Die standörtliche Besonderheit der Armleuchteralgen zeigt sich auch in ihrem Wuchsverhalten, denn sie besiedeln die Gewässer zumeist in räumlicher oder zeitlicher Trennung von höheren Wasserpflanzen. Man hat oft den Eindruck, dass sie gerne unter sich bleiben und sich von den Zonen intensiver Lebensprozesse geradezu zurückziehen. So sind in größeren Seen die Armleuchteralgen dem Beobachter nicht so leicht zugänglich wie andere Wasserpflanzen. Alle höheren Wasserpflanzen haben ein luftgefülltes Gewebe (Aerenchym), das ihnen Auftrieb verleiht und sie, wenn sie abgerissen werden, an die Wasseroberfläche treibt. Nicht so die Characeen, die nur in Ausnahmefällen am Ufer angespült werden, obgleich sie am Seeboden große Flächen einnehmen können, die wie »unterseeische Wiesen« erscheinen.

In großen und tiefen Seen erreichen die Armleuchteralgen ihre optimale Entfaltung oft erst unterhalb der Laichkrautzone. Die größte für Characeen bisher nachgewiesene Wassertiefe beträgt 60 m. Dort unten wachsen die Characeen allerdings nur noch langsam, und Sporen werden kaum mehr gebildet.

Neben den tiefen Klarwasserseen sind Quelltöpfe und -teiche ein weiterer Hauptlebensraum der Armleuchteralgen. In dem ständig zuströmenden klaren, nährstoffarmen Wasser können sie dauerhaft Siedlungen bilden. Beiden Lebensräumen gemeinsam ist, dass die Characeen hier als Dauervegetation auftreten, die meist auch über Winter grün bleibt.

Ein völlig anderes Verhalten zeigen Armleuchteralgen in neu entstandenen, frisch ausgeräumten oder neugefüllten Gewässern, in denen sie als Pioniervegetation auftreten. In Baggerseen, Fischteichen, Regenwasserlachen, wassergefüllten Wagenspuren, Gräben usw. können sie in wenigen Monaten dichte und massereiche, reichlich fruchtende (eigentlich müsste es heißen: »sporende«) »Unterwasserwiesen« bilden, noch bevor die ersten höheren Wasserpflanzen erscheinen. So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden sie jedoch auch meist wieder — auch ohne die Konkurrenz anderer Wasserpflanzen.

Sie tragen den Grund ihrer schwindenden Lebenskraft in sich selbst. Dazu vermutet KRAUSE (198l): »Ihr scharfer, an Senföl, d.h. an eine aggressive Substanz erinnernder Geruch, ihre Immunität gegen Herbarschädlinge und die Exklusivität ihrer Einartbestände deuten auf abweisende allelopathische Eigenschaften, die vielleicht ihren eigenen Siedlungen eine Existenzgrenzesetzen können.«

Verschwinden der Armleuchteralgen

Armleuchteralgen sind heute sehr selten geworden. Ihr Rückgang ist um so drastischer, als diese Pflanzengruppe früher in Mitteleuropa recht häufig vorkam. Ihre besonderen Wuchsgewässer sind durch die Veränderungen unserer Landschaften in den letzten 50 – 60 Jahren kaum mehr vorhanden: großflächige Entwässerungen und ebenso großflächige Überdüngung der Landschaften durch die moderne Landwirtschaft und durch Luftimmissionen haben sie weitgehend zerstört.

Während die natürlichen Vorkommen der Characeen in tiefen Seen und in periodisch gestörten Flachgewässern von Fluss- und Stromtälern auf diese Weise sehr stark eingeschränkt wurden, lässt sich in anderen Gewässern eine gegenläufige Tendenz beobachten: Sehr viele neue Wuchsgewässer, teilweise auch mit extrem seltenen Arten, sind in den letzten Jahren dadurch entstanden, dass einerseits an vielen Stellen neue Kleingewässer, sogenannte „Artenschutzgewässer“, angelegt wurden und andererseits Baggerseen durch Kies- und Sandabbau entstanden.

Vielfach machen diese vom Menschen geschaffenen Gewässer gar nicht einmal einen besonders natürlichen Eindruck, sondern sehen eher „roh“ aus: aufgerissener Boden mit Maschinenspuren, zerstörte Vegetation, teilweise noch mit herumliegenden, rostenden Geräten…

Aber genau diese Pioniersituation, dieses absolute Anfangsstadium einer neu einsetzenden natürlichen Entwicklung ist der passende Characeen-Lebensraum. Wenn das Gewässer dann langsam vom Leben wiedererobert wird, wenn das nährstoffarme Wasser durch vielfältige organische Kreisläufe in eutrophe Verhältnisse übergeht, dann verschwinden die Armleuchteralgen wieder.

Erhaltung und Entwicklung von Armleuchteralgen-Gewässern

Und hier liegt das Problem für den Naturschutz, speziell den Artenschutz. Denn wie sollen diese seltenen Armleuchteralgen auf Dauer in den Landschaften erhalten werden, wenn sie verschwinden, sobald ein natürliches „Zuwachsen“ der Gewässer einsetzt? Und wenn die ausgleichende natürliche Dynamik, die z.B. durch Hochwässer immer wieder neue Pioniersituationen in den Gewässern schaffen würde, fehlt? Man müsste, aus Artenschutzgründen, hier regelmäßig Biotoppflege betreiben, d.h. das Gewässer mechanisch mit Maschinen ausräumen, entschlammen usw. Das ist einerseits teuer, und andererseits bleibt die Frage, wohin mit dem Material.

Zukunftsvision: Erhaltung der Armleuchteralgen durch Nutzung?

Hier kann ein Blick auf die historische Kulturlandschaft helfen, in der Armleuchteralgen ihren Platz in den vielen kleinen, extensiv genutzten Gewässern hatten, in denen sie durch die regelmäßige oder gelegentliche Störung dauerhaft erhalten wurden, z.B. Gräben, Fischteiche, Flachsrotten. Dadurch wurde ihre Ausbreitung sogar gefördert und erreichte etwa um 1850 ein Optimum. Mit der Nutzungsaufgabe starben hier auch die Armleuchteralgen aus, denn zur dauerhaften Erhaltung in Flachgewässern sind regelmäßige Störungen (z.B. Entschlammung, Beerntung, Trockenlegen) notwendig. Das wäre auch heute in erster Linie sichergestellt, wenn die Gewässer bewirtschaftet würden. Dazu müsste man eine sinnvolle landwirtschaftliche Nutzung finden, z.B. Einsatz als organischer, kalk- und schwefelreicher Dünger und vielleicht sogar als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel, was die besonderen Inhaltsstoffe (hochwirksame Schwefelverbindungen) nahe legen.

Eigene Publikationen zum Thema

  • H.-Ch. Vahle (1990): Armleuchteralgen (Characeae) in Niedersachsen und Bremen – Verbreitung, Gefährdung, Schutz. – Informationsdienst Naturschutz Niedersachs. 10(5): 85-130.
  • H.-Ch. Vahle (2004): Das Geheimnis der Armleuchteralgen (Characeae). – Tycho de Brahe-Jahrbuch für Goetheanismus 2004: 77-117. Niefern-Öschelbronn.
  • H.-Ch. Vahle (2011): Characeen und die vier Elemente. – Ber. Bot. Arbeitsgem. Südwestdeutschland, Beiheft 3: 49-63. Karlsruhe.
  • H.-Ch. Vahle (2012): Die Alge. – In: H. Brand & N. Groeger: Chara intermedia – Die reinigende Kraft der Armleuchteralge. Narayana-Verlag, Kandern: S. 14-36.
  • H.-Ch. Vahle (2012): Die belebende Kraft einer Uralge: Chara intermedia. – natur & heilen 89 (7): 12-19.